GEFEK

Jeder hat das Recht auf angemessenen ärztliche Versorgung

 

Die Gesellschaft zur Förderung eigenständiger Krankheits-bekämpfung in Entwicklungsländern (GEFEK)  fördert  den  Austausch von medizinischer und biomedizinischer Kenntnis zwischen Industrienationen und  Entwicklungsländern. Ein wichtiges Ziel ist die Entwicklung neuer Methoden zur ein- fachen und  preiswerten  Diagnose von verbreiteten Infek-tionskrankheiten und  die Vermittlung des entsprechenden Know- Hows an Wissenschaftler in den betroffenen Ländern.  Ziel ist,  dass  die  Methoden  dort eigenständig,  d.h.  ohne  Hilfe  aus dem Ausland durchgeführt und gegebenenfalls selbst weiterentwickelt werden können.  

 

GEFEK  Gesellschaft zur Förderung eigenständiger Krankheitsbekämpfung in Entwicklungsländern, Ludwig-Rinn-Str. 8,  35452  Heuchelheim

Vorsitzender: Prof. Dr.Ewald Beck, Tel. +49 641 85304                          

Email: beck.GEFEK@yahoo.de

Spendenkonto: Volksbank Mittelhessen. BLZ: 51390000, Konto Nr.: 46434501
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Jahresbericht 2012

Bei uns in Deutschland lebt heute (2012) jeder sechste Mensch an oder unter der Armutsgrenze, Tendenz steigend (Quelle: cecu.de – Portal für Finanzen und Versicherungen). UN-Statistiken zeigen, dass weltweit ebenfalls ein Sechstel der Menschheit an oder unter der Armutsgrenze lebt. Allerdings unterscheiden sich die Bemessungsgrenzen: Bei uns lebt in Armut, wer als Einzelperson weniger als 940 Euro pro Monat zur Verfügung hat. In Entwicklungsländern liegt diese Grenze bei einem Dollar pro Tag. Außerdem verschleiert die UN-Statistik die Realität: In Ländern wie Bolivien lebt nicht ein Sechstel, sondern mehr als die Hälfe der Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag.

In Bolivien versucht GEFEK seit sechs Jahren einen Beitrag zur Verbesserung der Lage mit Schwerpunkt auf dem Gesundheitssektor zu leisten. Und es bewegt sich etwas in dem Land. Trotz der nicht zu übersehenden Armut ändern sich die gesellschaftlichen Verhältnisse allmählich zum Positiven. Während in Deutschland nach neuesten Erhebungen ein Drittel der jungen Leute nicht mehr daran glaubt, aus eigener Kraft aus ihren sozial schlechten Verhältnissen ausbrechen zu können, befindet sich die Mehrzahl der Bevölkerung Boliviens in einer Aufbruchstimmung. Hierbei spielt die innere Einstellung eine tragende Rolle: Vergleichbar mit der Aufbruchstimmung in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg wollen viele Menschen das Land verändern, und sie glauben, das sie dazu in der Lage sind. Wir veranstalten regelmäßig Seminare und pratische Kurse an der Universidad Mayor de San Andrés in La Paz und sehen den rapiden Fortschritt in wissenschaftlichen Disziplinen. Im Jahr 2007 gab es noch kaum eine ausreichende technische Ausstattung an dieser größten Universität von La Paz, und wir mussten die elementarsten Geräte aus Deutschland mitbringen. Heute sind die Labors mehr als ausreichend mit modernen Maschinen ausgerüstet. Dort werden jetzt begabte und hochmotivierte Studenten ausgebildet, die anschließend an europäischen Universitäten ihre Doktorarbeiten anfertigen. Die Doktorarbeit im Ausland ist leider noch immer Voraussetzung für eine akademische Karriere, weil der im eigenen Land erworbene Doktortitel nichts zählt (dieses Phänomen gibt es in vielen Entwicklungsländern). Keiner von diesen Doktoranden trägt sich mit dem Gedanken, im Ausland zu bleiben. Auch die meisten der 1,5 Millionen im Ausland lebenden Bolivianer ohne höhere Ausbildung bleiben dort nur, um mit dem Einkommen ihre Familien zu Hause zu unterstützen. Sie fühlen sich nicht wohl in der Fremde und möchten so bald wie möglich zurück.

In der ersten Hälfte dieses Jahres wurden in unserem Labor in Heuchelheim wieder mehrere wichtige Voraussetzungen für die Diagnose von in Bolivien verbreiteten Infektionskrankheiten geschaffen. Der Schwerpunkt lag diesmal auf Rotaviren, die zusammen mit Noroviren zu den häufigsten Auslösern von Durchfällen bei Kindern unter fünf Jahren zählen. Im überbevölkerten La Paz ist die Situation besonders schlimm, dort erkranken jedes Jahr 60 % der Kleinkinder an diesen Viren, trotz der landesweit durchgeführten Schutzimpfungen. Die Schutzimpfung hilft oft nicht, weil die Mütter der Säuglinge selbst infiziert sind und große Mengen von Antikörpern gegen diese Viren mit der Milch abgeben. Dies führt zur Inaktivierung des oral verabreichten Lebendimpfstoffs. Der Vorschlag der Pharmaindustrie, in solchen Fällen statt Muttermilch Kunstmilch zu verwenden, hatte katastrophalen Folgen. Viele von uns werden sich noch an die negativen Auswirkungen der weltweit erfolgten Nestlé-Milch-Propaganda erinnern, die den Tod hunderdtausender Kleinkinder in Afrika zur Folge hatte. „Moderne“ Mütter verabreichten dieses Produkt aus Geldmangel so stark verdünnt, dass ihre Kinder schlicht verhungerten. Die Schutzimpfung gegen Rotaviren ist trotz der eingeschränkten Wirksamkeit in jedem Fall nützlich: Die Zahl der an Durchfällen sterbenden Kinder hat sich aufgrund der Impfaktionen halbiert.

Wir haben in Bolivien dazu beigetragen, dass die Diagnose der Rota- und Noroviren erleichtert bzw. deutlich billiger gemacht werden kann. Wir haben ein einfaches Reinigungsverfahren eines zum Nachweis dieser Viren essentiellen Enzyms, der Reversen Transkriptase, entwickelt und seine Herstellung im nationalen Referenzlabor für Rotavirusinfektionen in La Paz etabliert. Die Reinigung gelingt in einem Tag unter Verwendung einfachster Geräte. Die dabei gewonnene Menge an Enzym deckt den Jahresbedarf des Labors und erlaubt zugleich, weit mehr Analysen durchzuführen, als mit dem teuren kommerziellen Enzym möglich wären. Für das zweite Enzym, das für die molekularen Diagnose der Viren notwendig ist, die Taq-Polymerase, haben wir eine neue, verbesserte Darstellungsform entwickelt und die Produktion ebenfalls dort im Labor etabliert. Für Noroviren ist die molekulare Diagnose der einzige wirksame Test. Norovirus-Infektionen verlaufen harmloser als Rotavirusinfektionen und haben selten tödliche Folgen. Sie erinnern sich sicher an die durch Erdbeeren aus China ausgelöste Epidemie in Mittel- und Ostdeutschland im September dieses Jahres, bei der mehr als zehntausend Kinder in Kindergärten und Schulen erkrankten. Keines dieser Kinder starb.

In armen Ländern ist es extrem wichtig, zwischen Rotaviruen und Noroviren zu unterscheiden. Beide haben die gleichen klinischen Symptome, aber während Norovirus-Infektionen trotz heftiger Durchfälle in der Regel gut überstanden werden, können Rotavirus-Infektionen aufgrund der starken Dehydrierung der Kinder einen fatalen Ausgang nehmen. In schweren Verläufen muss daher ein Krankenhausbett und eine Möglichkeit zur Infusion von Flüssigkeit bereitgestellt werden. In Bolivien sind Co-Infektionen mit beiden Virusarten nicht selten, und dies kann man nur mittels molekularer Diagnose bestimmen.

         

Teilnehmer des Praktikums über Methoden zur molekularen Diagnose von Rota- und Noroviren an der Universidád Mayor de San Andrés in La Paz im November 2012

Rotaviren bestehen nicht nur aus einer Art, sondern es treten – ähnlich wie bei Influenzaviren – große Zahlen von unterschiedlichen Varianten auf. Die bisherigen Impfstoffe sind gegen die wichtigsten z. Z. auftretenden Varianten gerichtet, aber die Viren verändern sich ständig. Um zu überwachen, ob die zirkulierenden Viren überhaupt noch von den Impfstoffen erfasst werden, müssen sie regelmäßig typisiert werden. Dies geschieht heute nahezu ausschließlich über molekulare Methoden, und auch hierfür haben wir Methoden entwickelt und im Herbst dieses Jahres in Bolivien erfolgreich getestet. Nach den Ergebnissen müssen unsere Tests zwar noch für einige weitere Varianten (Serotypen) erweitert werden – wir trafen mehr Varianten an, als erwartet – aber prinzipiell ist unser Ansatz nützlich, und hundertmal billiger als kommerzielle Tests. Für ein Referenzlabor ist so ein Test obligatorisch.  

 Wir haben diesen sog. RT-PCR-Test nicht nur ausprobiert, sondern ihn auch zum Thema eines praktischen Kurses mit Studenten und interessierten Wissenschaftlern gemacht. Besonderes Interesse bestand nicht so sehr in der praktischen Durchführung mit Stuhlproben lokaler Patienten, sondern vielmehr in der Vorführung der einzelnen Computerprogramme, die zum Design solcher molekularer Diagnoseverfahren herangezogen werden müssen. Die genetische Information nahezu sämtlicher Krankheitserreger ist heute für jedermann im Internet frei zugänglich. Aber man muß das Know-How besitzen, wie man mit dieser Information umzugehen hat. Dass diese Computerprogramme im Zentrum des Interesses der Kursteilnehmer stand, ist nicht nur ein Hoffnungsschimmer, sondern der Beweis dafür, dass die Leute aufgewacht sind und ihre Probleme mit eigenen Händen – und eigenem Gehirn – anzugehen bereit sind. Etwas Besseres kann man sich als Pädagoge kaum wünschen. Es zeigt klar auf, dass unser Ansatz, Hilfe zur Selbsthilfe, auf einen fruchtbaren Boden gefallen ist. Es ist sicher nicht allein unser Verdienst, aber wir haben mit unserer Arbeit in den letzten Jahren einen guten Beitrag dazu geleistet. Und es war wieder einmal anrührend zu erfahren, wie dankbar die Teilnehmer für die Unterweisung waren. Es wurde nicht nur gefeiert, sondern wir wurden mit Geschenken überhäuft wie an Weihnachten.

Für die generelle Diagnose von Rotaviren haben wir noch ein weiteres Eisen im Feuer. Da bei Weitem nicht alle medizinischen Einrichtungen in Bolivien die technische Ausrüstung und ein geeignetes Labor zur Durchführung molekularer Diagnoseverfahren zur Verfügung haben, versuchen wir auf Anregung des Zentrallabors in La Paz einen einfachen Teststreifen zum immunologischen Nachweis dieser Viren zu entwickeln. Das nötige Instrumentarium hatten wir bereits vor zwei Jahren bei der Entwicklung eines analogen Teststreifens zum Nachweis der Chagas-Krankheit erarbeitet. Kernvoraussetzung für den Test ist die Herstellung eines relativ konstanten Hüllproteins des Virus, VP6, gegen das zunächst spezifische Antikörper hergestellt werden müssen. Dieses Hüllprotein, das in nahezu allen kommerziellen immunologischen Tests zum Einsatz kommt, kann in der richtigen Struktur (sog. „native Konformation“)  bisher nur aus gereinigten Viren oder rekombinant in Zellkutur hergestellt werden. Beide Darstellungsformen sind ziemlich zeitaufwendig und teuer, und die entsprechenden Tests sind es natürlich auch.

Wir haben im Sommer dieses Jahres ein sehr viel einfachereres Darstellungsverfahren für  VP6 entwickelt und können das Protein in großen Mengen sehr rein und in nativer Konformation in Bakterien herstellen. Die Produktion entsprechender Antikörper ist bereits im Gang, und Anfang nächsten Jahres werden wir beginnen, den Teststreifen zu entwickeln.

Alle neuen Testverfahren, die wir in diesem Jahr entwickelt haben, sind nicht nur in Bolivien, sondern weltweit einsetzbar. Rotaviren sind ein globales Problem, und was wir heute für Bolivien tun, können wir im nächsten Jahr in die Mongolei transferieren. Wir hatten dort schon vor einigen Jahren geholfen, ein Labor zur Diagnose von verschiedenen Infektionskrankheiten (u.a. Geschlechtskrankheiten, Brucellose, Tuberkulose, Durchfallerkrankungen, Lungenerkrankungen, Meningitiden) an der zentralen medizinischen Universität des Landes in Ulanbaataar aufzubauen. Der Leiter des Labors ging leider weg und hält sich z. Z. in Singapur auf, wo er eine gute Position als Entwicklungsleiter in einer auf Diagnostika spezialisierten Firma innehat. Als bodenständiger Mongole fühlt er sich bei dem tropischen Klima dort aber nicht wohl und will im September 2013 nach Ulanbaataar zurückkehren. Wir freuen uns auf die Weiterführung der begonnenen Arbeit. Sie ist dort mindestens ebenso notwendig wie in Bolivien.