GEFEK

Jeder hat das Recht auf angemessenen ärztliche Versorgung

 

Bolivien

Auch in 4000 Meter Höhe barfuß: spielende Kinder in Copacabana, Titicacasee

Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, der früher einmal als primäre Erwerbsquelle dienende Bergbau kommt immer mehr zum Erliegen. Die entlassenen Bergarbeiter, die „Mineros“, müssen, um sich und ihre Familien irgendwie zu ernähren, z. B. im tropischen Tiefland kleine Parzellen bewirtschaften, wozu ihnen freilich die Erfahrung fehlt und sie daher häufig frustriert wieder aufgeben. Auch andere Möglichkeiten des Broterwerbs wie die Bekleidungsindustrie sind verschwunden, weil Firmen wie Adidas ihre Produktion nach Asien verlagert haben, denn dort können die Menschen für noch geringere Bezahlung ausgebeutet werden.

Im Tiefland Boliviens tkann man oft noch auf archaische Lebensbedingungen stoßen

Die Einführung der Demokratie nach Ende der langjährigen Diktaturen hat am Hunger und an der schlechten Gesundheitslage der meisten Menschen nicht viel geändert. Mit welchen Mitteln sollte die Regierung Programme für ausreichende Ernährung, Bildung und medizinische Versorgung finanzieren, wenn die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung so gut wie nichts verdient und keine Steuern bezahlen kann? Zum Vergleich: In Deutschland belaufen sich die Gesundheitskosten auf mehr als 3000 Euro jährlich pro Kopf. Wie sollen sich da die Bolivianer, deren mittleres pro-Kopf-Einkommen bei 800 Dollar im Jahr liegt, ausreichend medizinisch versorgen können?

Gemüseverkauf in Palos Blancos, Beni

Trotz dieser schlechten Voraussetzungen ist Bolivien ein Land im Aufbruch. Nach einem halben Jahrtausend Unterdrückung durch ausländische Staaten und zuletzt durch eigene Militärjuntas, entwickeln sich allmählich demokratische Strukturen. Noch ist die Lage labil, die Gefahr militärischer Umstürze von innen wie von außen oder die Ausbeutung von Arbeitskraft und Bodenschätzen durch multinationale Konzerne ist nicht endgültig gebannt und der Grad an Korruption insbesondere der staatlichen Organe ist hoch. Dennoch glaubt ein Großteil der Bevölkerung an den in Ansätzen erkennbaren Fortschritt von sozialer Gerechtigkeit.

Blick über den Titicacasee zur östlichen Kordilliere

Daher sollte man die zukünftige Entwicklung des Landes nicht zu trübe sehen, es gibt viele positive Aspekte: Das Hochland mit dem von 7000 Meter hohen Bergriesen umgebenen Titicacasee und dem größten Salzsee der Welt, dem Salar de Uyuni, und das Tiefland mit seinen wenigstens teilweise noch unberührten Urwäldern sind überwältigend, und es gibt zahlreiche historische Sehenswürdigkeiten aus der Zeit der Conquistadores, der Inka- und Prä-Inkazeit.

 

Die Ruinen von Tiahuanaco zählen zu den wichtigsten archäologischen Stätten in Bolivien

Gegenwärtig überwiegen noch Backpacker als Touristen, aber mit der spektakulären Landschaft, den vielen kulturellen Veranstaltungen wie dem Karneval in Oruro, den farbenprächtigen Märkten, der oft noch sehr ursprünglichen landestypischen Lebensweise der einheimischen Bevölkerung und nicht zuletz wegen der zahlreichen gut erhaltenen historischen Sehenswürdigkeiten könnte auch Tourismus mit einem zahlungskräftigeren Publikum zu einer lukrativen Einnahmequelle werden. Und trotz jahrhundertelanger Ausbeutung, früher durch die Spanier und in der Neuzeit durch multinationale Konzerne, hat das Land noch wichtige Bodenschätze: Die Salzschicht auf dem  

Der Salar de Uyuni ist der größte Salzsee der Erde. Auf Google-Earth ist er leicht als großer weißer Fleck auf unserem Planeten zu erkennen. Das Salz enthält gewaltige Mengen an Lithium, ca. die Hälfte des Weltvor-kommens. Es könnte in Anbetracht der in Zukunft zu erwartenden Umrüstung der Autos auf Batteriebetrieb zu einer wichtigen Einnahmequelle für Bolivien werden.

Salar de Uyuni besteht zu mehreren Prozent aus Lithium, welches in Zukunft in großen Mengen für Elektroautos benötigt werden wird. Die Bevölkerung, überwiegend indianischer Abstammung, ist gewohnt, hart zu arbeiten und ist erfinderisch, wenn es die Not verlangt. Bei einer nächtlichen Überlandfahrt blieb unser Reisebus nach einem Knall mitten auf der Stecke stehen, Getriebeschaden, eine Stunde nach Mitternacht und bei minus 10 Grad Celsius im Freien. Der Fahrer und sein Beifahrer krochen unter den Bus, schraubten zwei Stunden lang und brachten uns mit leichter Verspätung heil ans Ziel. Ich glaube nicht, dass das in Europa noch jemand kann!

Sonnenuntergang am Titicacasee

Wir haben das gute Gefühl, dass in diesem Land unsere Bemühungen, durch Eigeninitiative zur Verbesserung der medizinischen Lage beizutragen, auf fruchtbaren Boden stößt. Wir tun dies nicht, wie viele andere Hilfsorganisationen, durch direkte ärztliche Betreuung, sondern wir versuchen, den einheimischen Gesundheitseinrichtungen zu zeigen, wie viele Probleme aus eigener Kraft gelöst werden können, ohne dafür riesige Summen für die Pharmaindustrie aufwenden zu müssen. Dies ist kein prinzipiell neuer Ansatz, denn auch in Deutschland werden in einigen Universitätskliniken große Summen eingespart, indem z.B. anstelle teurer kommerzieller Diagnoseverfahren selbst entwickelte und mindestens ebenso effiziente Methoden zum Einsatz kommen.

Der Monte de Cerro in Potossi hat mehrere Jahrhunderte lang zur Finanzierung der spanischen Weltmacht gedient. Es wird erzählt, dass das dort abgebaute Silber für eine Brücke von Südamerika bis Spanien gereicht hätte. In Lateinamerika sagt man, dass die Knochen der in den Minen umgekommenen Indios und Negersklaven für eine zweite Brücke genügt hätten.

Die Bolivianer leiden unter einer Vielzahl von Krankheiten. Krankheiten, die im Prinzip alle heilbar sind und daher bei uns nur selten auftreten. Vier von zehn Todesfällen gehen zu Lasten von Infektionskrankeiten wie Tuberkulose, Durchfallerkrankungen oder Malaria, zu deren Therapie gute Medikamente zur Verfügung stehen. Aber die kann keiner bezahlen. Nahezu ein Viertel der Bevölkerung ist Träger der Chagas-Krankheit, und jeder Zehnte stirbt an deren Folgen. Kaum einer der Betroffenen weiß etwas von den durch Wanzen übertragenen Parasiten, die seine inneren Organe aushöhlen, denn die Krankheit verläuft meist ohne erkennbare klinische Symptome. Viele Menschen sterben relativ jung, das Durchschnittsalter im Land liegt bei etwas mehr als dreißig Jahren.  

Maria lebt in einem kleinen Dorf im Tiefland der Provinz Taricha

Der überwiegende Teil der Bevölkerung ist unterernährt, viele Kinder erreichen nicht das fünfte Lebensjahr – wen interessiert da schon die Ursache, wenn der Tod jemanden früh von seinem tristen Dasein erlöst? Sie haben einen Namen für den Tod mitten im Leben: „muerte subito“, plötzlicher Tod. Die Ursache wird nicht untersucht. Es ist normal, früh zu sterben.

Hier wohnt Maria. Unter dem Schilfdach der Hütte lauern die Vichucas, Raubwanzen, welche die Chagas-Krankheit übertragen

Dieser Fatalismus steht im Gegensatz zu den auf eine bessere Zukunft gerichteten Erwartungen der Bevölkerung und ist durch die Armut begründet. Für ein besseres Leben fehlt schlicht das Geld für ausreichende Lebensmittel, Ausbildung und Gesundheit. Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas, auch die Staatskasse ist leer. Die Armen können keine Steuer zahlen, die Kokabauern schaffen ihre Ernte illegal über die Grenze und zahlen auch nicht, und die reichen Großgrundbesitzer tun alles, um soziale Reformen zu verhindern. Programme zur Entwicklung des Bildungswesens, zur Grundversorgung mit Wasser und Energie und zaghafte Anfänge einer Industrialisierung zur Schaffung von Arbeitsplätzen sind überwiegend aus dem Ausland finanziert. Durch die kürzlich erfolgte Verstaatlichung der Bodenschätze einschließlich der Öl- und Gasvorkommen fließen dem Land neuerdings einige Milliarden Dollar jährlich zu, die zuvor weitgehend von multinationalen Konzernen kassiert wurden. Diese Summen entsprechen aber nicht einmal einem Prozent unseres Bundeshaushaltes und reichen nicht, ein dringend benötigtes Gesundheitssystem aufzubauen.

Mucocutane Leishmaniose, eine verbreitete und gefürchtete Krankheiten in Bolivien. Sie wird durch Sandmücken übertragen. Leider gibt es bisher keine einfache Diagnose, und die wenigen Medikamente führen zu heftigen Nebenwirkungen

Ein Gesundheitssystem wie hier in Deutschland ist in Bolivien ohnehin nicht denkbar. Medikamente und Diagnostika zu den üblichen Marktpreisen werden dort auf lange Zeit unerschwinglich bleiben. Die wenigen Gesundheitsprojekte im Land werden durch private Hilfsorganisationen finanziert, aber Hilfe aus dem Ausland ist nur begrenzt möglich. Selbst bei bestem Willen könnten alle Industrieländer zusammen niemals die Kosten für die Bekämpfung der Krankheiten in den Entwicklungsländern schultern. Es gibt nur eine Lösung für dieses Problem: Die Kosten für die Behandlung von Krankheiten müssen für diese Länder radikal gesenkt werden.

Die Bevölkerung Boliviens ist überwiegend jung. Das mittlere Lebensalter liegt bei 30 Jahren. Es bleibt zu wünschen, dass die junge Generation bessere Lebens-verhältnisse sehen wird, als ihre Eltern. Unsere Hilfe zur Selbsthilfe in medizinischen Belangen wird hoffentlich dazu beitragen.

Hier kommt GEFEK ins Spiel: Mit unseren Projekten wollen wir demonstrieren, dass es durchaus möglich ist, Medikamente und Diagnostika für einen Bruchteil des von der Pharmaindustrie geforderten Preises herzustellen. Ein bekanntes Beispiel ist die Bekämpfung von Aids in Brasilien, das mittlerweile als das erfolgreichste Entwicklungsland im Kampf gegen Aids gilt. Durch Eigenproduktion konnte das Land Aids-Medikamente zu einem viel niedrigeren Preis produzieren, als ihn die Pharmakonzerne verlangten. Der dadurch erzeugte Wettbewerb zwang auch die Industrie, ihre Preise zu senken. Die schnelle und qualitativ hochwertige Produktion der Medikamente war einer der Hauptgründe für den Rückgang der Aids-Sterblichkeitsrate um 50 % Mitte der 90er-Jahre.